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Auch Sehnen brauchen Training

Unfallchirurgen beobachten mit Sorge eine steigende Anzahl an Sehnenverletzungen. Die Ursache dafür liegt in mangelnder Bewegung in jungen Jahren. Je früher man nämlich eine Sehne trainiert, umso geringer ist die Gefahr, dass sie im Erwachsenenalter reißt.


Es klingt wie ein Peitschenknall und fühlt sich an, als hätte man gerade mit einer rot glühenden Axt einen Schlag in die Ferse bekommen. Man muss kein Arzt sein, um diese Symptome als typische Begleiterscheinungen eines Achillessehnenrisses zu identifizieren. Sehnenverletzungen wie diese sind nicht nur extrem schmerzhaft, sondern auch sehr langwierig. Eine gerissene und operierte Achillessehne etwa zieht eine Rehabilitationszeit von bis zu neun Monaten nach sich. Gänzlich verheilt ist eine Verletzung aber auch danach nicht, denn die Sehne erreicht nur maximal 80 bis 90 Prozent ihrer vorherigen Festigkeit. „Die Sehnenfasern haben im Bereich der Verletzung im Wesentlichen immer eine Unterbrechung und es entsteht eine Narbe. Die Gefahr, dass eine operierte Achillessehne erneut reißt, liegt bei sieben Prozent – ganz unabhängig von der Operationsmethode“, erklärt Dr. Andreas Pachucki, Leiter der Unfallchirurgie am Landesklinikum Amstetten und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie, die ihre letzte Jahrestagung dem Thema Sehnen widmete.

Bewegung = Sehnentraining

Ein wesentlicher Punkt bei diesem Kongress war die erst seit kurzem bekannte Tatsache, dass man Sehnen bereits sehr frühzeitig – das heißt im Kindes- und Jugendalter – trainieren muss, um erfolgreich späteren Schädigungen vorzubeugen. „Es ist eine interessante Erkenntnis der Grundlagenforschung der letzten Jahre, dass der Sehnenkern offensichtlich vor allem in den ersten Lebensjahren ausgebildet wird. Durch die Ablagerung von radioaktiven Substanzen weiß man, dass sich der Sehnenkern kaum mehr verändert, wenn man erwachsen ist. Ein Manko in der Jugend kann später eigentlich kaum mehr ausgeglichen werden“, bricht Pachucki eine Lanze für viel Bewegung in jungen Jahren. „Man muss sich im Klaren sein, dass wenn eine Sehne im Kindesalter gut trainiert ist, die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass sie später reißt“, ergänzt der Amstettner Unfallprimar.
Mangelnde Bewegung der Kinder ist heutzutage aber eine nicht wegzuleugnende Tatsache und der Keim für die Probleme, die die heutige Jugend im Erwachsenenalter haben wird, warnt Andreas Pachucki. „Man weiß, dass die Bewegung eines Kindes heute nur mehr ein Zehntel von der eines Kindes vor 30 Jahren ausmacht. Die Kinder werden überallhin mit dem Auto geführt, Turnunterricht wird gestrichen und am Nachmittag wird Computer gespielt, aber nicht mehr Räuber und Gendarm. Das ist leider eine Entwicklung unserer Zeit“, beklagt der Mediziner. Die Rechnung für die Bewegungsarmut werden die heutigen Kinder in einigen Jahrzehnten präsentiert bekommen. Besonders gefährdet sind nämlich Männer zwischen 30 und 50 Jahren. „Der typische Achillessehnenverletzte ist der mittelalterliche Vater, leicht übergewichtig und nicht austrainiert, der am Sonntag mit seinen Buben Fußball spielt und plötzlich schnell antritt“, weiß Primarius Pachucki um die Gefahren des Alltags. Meist ist es eine einzige Bewegung, bei der die Grenze der Belastbarkeit des Sehnengewebes überschritten wird und die zur Ruptur führt.

Falscher Sport ist (Sehnen-)Mord

Häufiger als im Alltag passieren Sehnenverletzungen aber beim Sport. Und da viel öfter im Breiten- als im Spitzensport, weiß Pachucki: „Eine Sehnenverletzung bei einem Spitzensportler ist sehr selten, weil der eben schon lange trainiert. Niemand wird Weltcup-Skirennläufer, der nicht schon in jungen Jahren in irgendeinem Kader war. Das heißt, er beginnt sehr früh mit dem Training und das ist bei fast allen anderen Sportarten auch so.“
Falsches und/oder zu intensives Training, das sich negativ auf die Beschaffenheit der Sehnen auswirken kann, findet man vermehrt bei (zu) ambitionierten Hobbysportlern. Als erstes Warnsignal für eine Fehl- oder Überbelastung stellen sich Schmerzen im Bereich der Achillessehne mit einer Entzündung der äußeren Sehnenschichten (= Achillodynie) ein. Diese chronischen Entzündungen führen zu Kalkeinlagerungen und degenerativen Prozessen, die dann die Gefahr einer Sehnenruptur steigern. Aber auch falsch ausgeführte Dehnungsübungen können mehr schaden als nützen. Wer wippend dehnt, anstatt kontinuierlich die Spannung zu erhöhen, der vergrößert die Verletzungsgefahr. Ebenso jemand, der eine kalte Sehne gewaltsam zu dehnen versucht. „Dehnen sollte man am Ende der Sportausübung, weil ein stark beanspruchter Muskel-Sehnen-Apparat dann eher zur Kontraktur neigt“, erklärt Pachucki, der aber auch hinzufügt, dass die Dehnung von Sehnen an sich überschätzt wird: „Das Dehnungsverhalten ist sehr eingeschränkt. Eine Sehne kann man nur etwa zu fünf Prozent dehnen.“
Ausdauersportarten belasten die Sehnen prinzipiell am wenigsten – selbst ein Marathonläufer wird kaum Probleme haben, wenn er über einen langen Zeitraum hinweg kontinuierlich trainiert, denn die Sehnen passen sich im Laufe der Zeit der Belastung an. Belastender für den Sehnenapparat sind hingegen Stop-and-go-Sportarten wie Tennis oder solche mit großer Sprungbelastung wie Volleyball, Handball oder Basketball. Verletzungsanfällig sind dabei vor allem die Sehnen der unteren Extremitäten. Ist beim Antreten und Stoppen vor allem die Achillessehne gefährdet, so sind bei den Sprung-Ballsportarten die kniegelenksnahen Sehnen betroffen und haben nicht selten ein Überlastungssyndrom namens Jumper’s Knee zur Folge.

Gesunde Sehnen reißen nicht

Reißt eine Sehne, dann hatte sie zuvor fast immer einen degenerativen Vorschaden, weiß Unfallchirurg Andreas Pachucki. Dieses Wissen – in Kombination mit neuesten Untersuchungsmethoden – macht man sich nun im Spitzensport zunutze. Durch spezielle Ultraschalluntersuchungen lässt sich nämlich eine Veränderung der kollagenen Fasern, aus denen eine Sehne vorwiegend besteht, bereits im Frühstadium feststellen – „bevor der Sportler Schmerzen hat“.
Diese Methode wird derzeit etwa bei den Profi-Fußballklubs von Arsenal und Chelsea angewendet. Die Achillessehnen und Strecksehnen im Kniebereich werden bei den Spielern regelmäßig untersucht. Bei Anzeichen einer drohenden Überlastung wird das Training zurückgenommen, um die Sehne zu entlasten. Die kollagenen Fasern können sich in der Zeit wieder erholen und nach etwa drei Monaten kann das Training wieder auf ein Normalmaß gesteigert werden. Völlig ruhiggestellt werden die Sehnen hingegen nicht, denn das wäre kontra­produktiv. „Diese Untersuchungen sind für den Spitzensport, wo es heute um sehr viel Geld geht, von unschätzbarem Wert. Hat ein Spitzensportler eine Sehnenverletzung, dann fällt er monatelang aus. Häufig bedeutet diese aber auch das Ende einer Sportlerkarriere“, betont Pachucki und erinnert an den Niederösterreicher Thomas Sykora, der nach zweimaligem Patellasehnenriss seine Skier an den Nagel hängen musste.
Geht es nach den Medizinern, dann sollte diese Untersuchungsmethode nicht dem Spitzensport vorbehalten bleiben. „Das muss man auch auf den Breitensport ausrollen“, meint Pachucki und kann sich vorstellen, dass man mit derartigen Vorsorgeuntersuchungen schon im Schulsport beginnt: „Mit diesem speziellen Ultraschall könnte man etwa erfassen, welche Übungen es sind, die das Gefüge der kollagenen Fasern zerstören“, sieht der Amstettner Primar eine Möglichkeit, sämtliche Sportler einmal vor einem Sehnenriss bewahren zu können.

Neue Behandlungsmethoden

Bevor die große Masse der Hobbysportler aber
in den Genuss der zukunftsweisenden Unter­suchungsmethode kommen wird, muss sie sich vorerst noch mit der Bekämpfung von etwaigen Schmerzen begnügen. Aber auch dafür gibt es neue und sehr wirkungsvolle Methoden wie etwa die Stoßwellentherapie, bei der energiereiche, hörbare Schallwellen in die schmerzenden Körperareale geleitet werden. „Die Stoßwelle gibt es schon seit etwa 20 Jahren, aber sie wurde am Anfang eher als Hokuspokus abgetan. Heute weiß man vor allem durch Grundlagenforschungen aus Taiwan und Japan, dass durch die Stoßwellentherapie die Durchblutung verbessert wird – auch bei Sehnen. Und je besser die Durchblutung ist, desto weniger kommt es zu diesen degenerativen
Prozessen, die später zur Rissbildung führen“, hält Andreas Pachucki, Primar im Amstettner Landesklinikum, fest.  
Wer sich und vor allem seinen Kindern diese schmerzhafte Prozedur in Zukunft jedoch ersparen möchte, dem sei das wirksamste Medikament gegen Sehnenverletzungen dringend ans Herz gelegt: Bewegung – und zwar so früh wie möglich und wenn nötig auch mit Nachdruck. „Da muss man auch die für Schul- und Kleinkindessport Verantwortlichen in unserem Land in die Pflicht nehmen. Das Streichen von Turnstunden ist ganz kontraproduktiv“, erinnert der Mediziner daran, dass Prävention von Sehnenverletzungen schon in der Turnstunde beginnen sollte. Vielleicht ja bald in der täglichen …

FOTO: iStockPhoto

Wissenswertes über Sehnen 

Sehnen sind das Zwischenstück zwischen den Muskelbäuchen und den Knochen. Sie übertragen die Kraft des Muskels auf das Skelett. Daher kann man Sehnen nicht isoliert trainieren, sondern immer nur die gesamte Funktionseinheit Knochen-Sehne-Muskel. Sehnen bestehen aus sehr wenigen Zellen (Sehnenkern) und vorwiegend aus zugfesten kollagenen Fasern. In Bezug auf die Reißfestigkeit sind Sehnen dreimal stärker als Muskeln. Das hat zur Folge, dass gesunde Sehnen bei normaler Zugbeanspruchung eigentlich nicht reißen können, sondern dass eher der Muskel nachgibt oder in manchen Fällen sogar knöcherne Vorsprünge abreißen können. Eine Sehne reißt nur dann, wenn sie einen degenerativen Vorschaden aufweist.
Die Achillessehne ist die dickste und kräftigste Sehne des Menschen. Sie ist 20 bis 25 Zentimeter lang, neun Millimeter im Durchmesser und hält einer Zugbelastung von bis zu 800 Kilogramm stand. Trotzdem ist der Achillessehnenriss die häufigste schwere Sehnenverletzung – gefolgt von Sehnenverletzungen im Kniegelenksbereich (Quadricepssehne oberhalb der Kniescheibe, Patellasehne unterhalb der Kniescheibe). Am dritthäufigsten reißt die untere Bizepssehne.