„Angst hat auf der Bühne keinen Platz“
Sie ist bodenständig, geerdet & eine richtige Dame: Dagmar Schellenberger (55), Kammersängerin und seit 2013 neue Intendantin der Seefestspiele Mörbisch.
Haben Operndiven nicht immer lackierte Fingernägel? Dagmar Schellenberg ist Sopranistin, Kammersängerin, ihre Fingernägel sind nicht lackiert und ganz kurz, weil sie gerne in der Erde ihres Gartens in Mörbisch buddelt – das entspannt sie, gibt ihr Kraft und Ruhe, ihren nicht gerade stressfreien Intendanten-Job bei den Seefestspielen in Mörbisch zu meistern: „Ich habe keine langen Fingernägel, weil ich was vorhabe“, schmunzelt sie – und ihr Lächeln symbolisiert angriffslustiges Engagement.
Herausforderndes Erbe
Nach Harald Serafin trat sie ein herausforderndes Erbe an, hat sich aber schnell eingelebt in ihre neue Rolle, beherrscht es, vom Bühnenarbeiter bis zum piekfeinen Premierengast mit jedem auf Du-und-Du zu reden. In alte Fußstapfen wollte sie nicht treten, „ich habe mich nie verbogen. Dazulernen – neue Wege gehen, ja – aber niemals anpassen und niemals immer ja sagen.“
Während der Sommersaison begleiten sie bis zu 600 Mitarbeiter auf ihrem neuen Weg. Nebenher hat die Opern-, Operetten- und Musicalsängerin auch noch Gesangsengagements, gastiert unter anderem immer wieder in Baden sowie in Deutschland und pendelt zwischen Mörbisch und Berlin, wo ihre Kinder und Enkelkinder leben, „so nebenher habe ich auch noch ein Familienleben“. Aber mit 33 Jahren Bühnenerfahrung, Engagements in Japan, Amerika und Südamerika haut einen so schnell nichts um. „Ich rauche nicht, rede nicht viel, schlafe viel, bin diszipliniert, gut organisiert und achte auf meine Freiräume“ – und so schafft man das alles. Sie mag auch den Unterschied zwischen Berlin und Mörbisch: „Alles ist anders, das Klima, die Luft, die Sterne am Himmel, die Menschen und das Quaken der Frösche.“
Kraftquelle Garten
Wie macht das die Schellenberger? Spielplan organisieren, Kooperationen anzetteln, Sponsoren überzeugen, Interviews und Benefizkonzerte geben, neue Ideen finden und umsetzen und manchmal auch noch höchstpersönlich Werbematerial liefern. Der Garten mit der schönen Aussicht auf den Neusiedlersee, der bringe ihr den nötigen Ausgleich für ihr dichtes Arbeitspensum, da tankt sie voll, wenn sich ihre Hände in die weiche Erde bohren oder ihre Siamkatze Ziba streichelt (Ziba ist persisch und bedeutet so viel wie Schönheit): „Ich liebe den Geruch des Sees und meinen Garten, er ist mein Refugium, ich lebe hier sehr gerne. Und ich mag es, mit meiner Katze an der Leine in den Weingärten spazieren zu gehen, und manchmal schaffe ich es, mein Handy einfach abzudrehen“, erzählt sie. Sie ist sehr naturverbunden, auf der Insel in Deutschland, wo sie einige Zeit lebte, „gab es mehr Kühe als Einwohner“. Aufgewachsen ist sie im Hotel ihrer Eltern, daher kommt wohl ihr offener Umgang mit den Menschen: „Ich habe das Ohr gerne bei den Leuten.“ Ein gut gefüllter Weinkeller unter ihrem Haus hebt ebenfalls die Laune: Das bewusste Genießen hat sich die Schellenberger beibehalten, das gehöre einfach zum Leben: „Nur pflegen und kasteien ist auch nicht das Rezept für ein gesundes Leben. Die Arbeit muss Spaß machen, nur dann ist sie bereichernd. Ich bekomme sehr viel zurück und schaffe mir meine Energie so selber und
vergesse nie zu leben.“
Faible für Sprachen
In ihrem Garten gedeihen 64 Weinstöcke und viele Obstbäume; die Früchte sind jedoch mehr zum Naschen da. Marmelade kochen? Dafür fehle ihr dann doch die Zeit. Und wenn sie mal doch ein wenig Zeit übrig hat, geht sie segeln, lässt sich massieren, geht Schwammerl suchen oder kocht, „aber schnell, ich koche gut und schnell“. So vielseitig wie ihr Garten ist die Sängerin selbst auch. Sie hat ein Faible für Sprachen, lernte beispielsweise zwölf Jahre lang russisch, was ihr bei Gesangsrollen in Russisch sehr geholfen hat, weil sie den Sinn versteht und deshalb die Partien mit ganz anderem Herzblut singen konnte. Und so lebt sie auch: die Dinge verstehen und dann mit ganzem Herzblut angehen. Die Bühne ist Schellenbergers Zuhause, „sie gibt mir Kraft, sie nimmt mir nichts, sie gibt mir alles, auf ihr habe ich gelernt, meine Angst zu verlieren. Angst hat auf der Bühne keinen Platz. Ich war früher sehr ängstlich, das ist heute weg – wofür soll ich mich schämen?“
Lernen, Abstand zu halten
Die Doppelbelastung aus Managementaufgaben und Gesangsauftritten mache ihr nichts – „ich habe gelernt, Abstand zwischen der Bühne und der Intendanz zu halten.“ In der kommenden Sommersaison der Seefestspiele Mörbisch steht Schellenberger in dem Musical „Anatevka“ selbst auf der Bühne – übernimmt zu Beginn die Begrüßung der Gäste, schlüpft dann in Sekundenschnelle in ihr Kostüm und wird in der Pause mit den Gästen plaudern. Lampenfieber hat sie „nur, um Höchstleistungen bringen zu können“, Lampenfieber sei das Salz in der Suppe. „Früher hatte ich richtiges Flattern, aber das ist das Schöne am Alter, man wird belastbarer und ruhiger, ich bin dankbar für alles, auch wenn es noch so schwer ist. Ich habe mich gefunden.“
Sängerin & Intendantin
Dagmar Schellenberger, geboren am 8. Juni 1958 in Oschatz (Deutschland) studierte an der Hochschule für Musik in Dresden. Sie sang viele große Partien wie z. B. die Pamina in der „Zauberflöte“, Susanna und Contessa in „Le nozze di Figaro“, Fiordiligi in „Cosi fan tutte“, Donna Anna und Donna Elvira in „Don Giovanni“. Sie ist aber auch in Operetten und Musicals zu sehen und stand auf den Bühnen der Welt, u. a. in New York, Amsterdam, Rom, Tokio, Hongkong, Jerusalem, Nagoya, Nizza oder an der Mailänder Scala. 2004 sang sie erstmals bei den Seefestspielen Mörbisch in der „Gräfin Mariza“. 2006 übernahm sie eine Gastprofessur in Berlin, gibt Meisterkurse und fungiert als Jurymitglieder bei Gesangswettbewerben. 2011 setzte sich Schellenberger gegen vier Konkurrenten um die Intendanz der Seefestspiele Mörbisch durch, dem weltweit größten Operettenfestival mit rund 6.000 Plätzen.
Informationen:
10. Juli bis 23. August 2014, www.seefestspiele-moerbisch.at





