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Alt werden – und trotz Handicaps gut leben

Was kommt auf einen im fortgeschrittenen Alter zu? Was braucht man, um möglichst lange selbstständig leben zu können?


Foto: istockphoto

Dr. Margerith Bühringer, Orthopädin in Waidhofen/Ybbs
Dr. Josef Steiner, Sportarzt und Facharzt für Innere Medizin in Waidhofen/Ybbs

Im Laufe der Jahre verändert sich der menschliche Körper: Nach den turbulenten Jahren in der Pubertät setzt in gewissen Bereichen bereits mit etwa 30 Jahren der Alterungsprozess ein. Die Muskelmasse schrumpft. Manche entdecken das eine oder andere graue Haar, irgendwann braucht jeder und jede eine Brille, da und dort tut öfter einmal was weh, die Belastbarkeit des eigenen Körpers sinkt und die Zellen beginnen zu altern.
Gerade die zweite Lebenshälfte bringt oft die eine oder andere gesundheitliche Erschwernis mit sich. Abnützungen am Bewegungsapparat zum Beispiel führen häufig in der zweiten Lebenshälfte zu massiven Einschränkungen im Alltag. „Der Bewegungsapparat nützt sich einfach mit den Jahren ab“, weiß die Orthopädin Dr. Margerith Bühringer. „Meine Patienten sind einerseits durch Wirbelsäulenerkrankungen, Bandscheibenleiden und Verengung des Rückenmarkskanals betroffen, andererseits äußert sich die Materialermüdung auch an großen Gelenken wie Hüfte, Schulter und Kniegelenk sowie an kleinen Gelenken im Finger- und Fußbereich“, berichtet Bühringer. In ihrer Ordination in Waidhofen/Ybbs betreut die Ärztin Menschen, die oft mit scheinbar banalen Beschwerden in die Praxis kommen: „Im Wirbelsäulenbereich äußern sich diese altersbedingten Erkrankungen mit zunehmenden Jahren meist mit anhaltenden Rückenschmerzen, Einschränkung der Alltagsbeweglichkeit, Reduzierung der Gehstrecke und ausstrahlenden Schmerzen in die Beine.“ Bei Knie-, Hüft- und Schultergelenken kommt es ebenfalls zu schmerzhaften Einschränkungen der Gelenksbeweglichkeit, zu Schwellungen, bei manchen zu zunehmenden Achsfehl­stellungen wie X- oder O-Beinen sowie im fortgeschrittenen Stadium zu schmerzbedingter Störung der Nachtruhe.  
Neben den körperlichen Beschwerden leiden viele ältere Menschen vor allem unter der Tatsache, dass sie Freizeitbeschäftigungen wie Radfahren, Wandern oder Gartenarbeiten  nicht mehr in gewohntem Umfang durchführen können. Dadurch verlieren sie über die Jahre auch manche sozialen Kontakte, ihr Aktionsradius schränkt sich immer weiter ein, bis er in sehr späten Jahren irgendwann nur mehr das eigene Heim umfasst. Grund für diese Beschwerden können oft mehrere Faktoren sein, wie Orthopädin Bühringer erklärt, und sie rät daher allen: „Vorbeugen kann man, indem man auf Körpergewicht und Lebensstil achtet. Denn Übergewicht begünstigt das Entstehen degenerativer Erkrankungen, da Knochen und Gelenke von der Natur auf ein Normal­gewicht ausgelegt sind.“

Starke Muskeln & Knochen

Um in Schwung zu bleiben und auch im hohen Alter noch gelenkig und sportlich zu sein, ist für Bühringer vor allem eine aktive Muskulatur ganz entscheidend. Diese bekommt man durch Sport. Ist die Muskulatur durch regelmäßige Bewegung gestärkt, verzögern sich die altersbedingten Abnützungen. Aber auch sämtliche Stoffwechselvorgänge werden durch regelmäßige Bewegung in Schwung gehalten. Empfehlenswert sind für ältere Semester drei Mal wöchentliche Sporteinheiten von rund einer Stunde. Dafür empfiehlt Bühringer etwa Walken, flottes Spaziergehen, Schwimmen oder Golfen.
Häufig im Alter tritt auch die Osteoporose, der sogenannte Knochenschwund, auf. Durch die Abnahme der Knochendichte verliert der Knochen seine Belastbarkeit, häufige Brüche sind die Folge. Zur Vorbeugung empfiehlt die Ärztin Vitamin-D3-Tropfen, die bei Bedarf ab dem 50. Lebensjahr eingenommen werden sollten. Durch einen Bluttest, den der Hausarzt durchführt, kann ein Vitamin-D-Mangel erkannt und behandelt werden.
In ihrer Ordination klagen Patienten vor allem aber häufig über Gelenksabnützungen, sogenannte Arthrosen. Nach eingehender körperlicher Untersuchung empfiehlt die Medizinerin je nach Art der Erkrankung verschiedene Therapiemöglichkeiten: „Wird Arthrose diagnostiziert, wird die konservative Therapie mit Schmerztabletten, Infusionen, Infiltrationen, Physiotherapie, Strom- oder Kryotherapie eingeleitet.“ Im Bereich der operativen Möglichkeiten gibt es gelenkserhaltende Eingriffe, Reparatureingriffe wie Sehnenrekonstruktionen oder bei Bedarf einen Gelenksersatz. Neu entwickelt, kommen aber immer häufiger auch Hightech-Methoden wie der Knorpelersatz durch Vermehrung der körpereigenen Knorpelzellen zum Einsatz.

Vielfältige Unterstützung

An der Wirbelsäule wird ähnlich vorgegangen, manchmal ist ein Mieder hilfreich oder es muss ein eingebrochener Wirbelkörper mit Knochenzement (Kyphoplastie) aufgefüllt werden, auch Fusionen können helfen. In Patientengesprächen werden realistische Therapieziele und sinnvolle Behandlungsoptionen erarbeitet. Ist die Erkrankung erkannt und die gezielte Therapie in Gange, können vor allem auch die passenden Hilfsmittel für ein selbstständiges Leben sorgen: „Gehhilfen, Stöcke, ein Rollmobil oder orthopädische Maßschuhe geben den Patienten mehr Sicherheit bei der ohnehin schon eingeschränkten Mobilität“, empfiehlt Bühringer, sich aktiv darum zu bemühen, die Beweglichkeit mit aller Kraft zu erhalten und sich nicht zu scheuen, sich Hilfe zu organisieren. Schließlich wäre es ja auch sinnlos, auf eine unterstützende Lesebrille zu verzichten oder sich nicht mit einem Hörgerät zu behelfen, wenn man es für das Sozialleben braucht. Denn aktiv zu bleiben, hilft einfach beim guten Altern.
Doch nicht nur auf Gelenke und Rücken kommen Beschwerden zu. Alle Organe und Körperzellen werden vom Alterungsprozess erfasst. Bluthochdruck, Diabetes und zu hohes Cholesterin erschweren älteren Menschen häufig das eigenständige Leben.
Diese Beschwerden werden aus verschiedenen Gründen ausgelöst, weiß Dr. Josef Steiner, Sportarzt und Facharzt für Innere Medizin: „Es spielen bei solchen altersbedingten Erkrankungen mehrere Faktoren mit. Einerseits führt oft die Veränderung des Hormonhaushalts zu solchen Stoffwechselerkrankungen, anderseits ist vor allem der Lebensstil ausschlaggebend für die Zellalterung im Körper.“ Für den Mediziner ist nicht das „Taufscheinalter“ relevant für ein langes und möglichst beschwerdefreies Leben, sondern das biologische Alter: „Es gibt junge 70- bis 80-Jährige und sehr alte 40- bis 50-Jährige. Das hängt stark vom Lebensstil ab“, ist Steiner überzeugt. Der gebürtige Amstettner betreibt seit 2001 seine Ordination für Sportmedizin und Innere Medizin in Waidhofen/Ybbs.

Alltagsbewegung ist Gold

Bewegung im Alter sollte daher auch aus Sicht des Sportinternisten zum Alltag gehören, aber unbedingt an den Patienten individuell angepasst. „Wichtig ist die Frage: Welche Bewegungsform kann ich meinem Patienten im Alltag zumuten, wie kann der Patient diese Übungen auch umsetzen?“, sagt Steiner. Viele Menschen hören dabei nicht auf ihren Körper und übertreiben anfangs gerne. Dabei sei vor allem Regelmäßigkeit wichtig. „Es nützt nichts, wenn man einmal in der Woche eine Stunde intensiv Sport betreibt, der vielleicht die eigenen körperlichen Fähigkeiten übersteigt. Besser ist es, sich im Alltag aktiv zu bewegen und regelmäßige Tätigkeiten auszuüben.“ Auch längere Spaziergänge helfen dem Körper auf die Sprünge und sorgen für mehr Fitness. Neben den Bewegungsempfehlungen, die der Arzt seinen Patienten gibt, ist vor allem auch die Diätberatung ein wesentlicher Faktor für gesundes Altern. Diabetes und Cholesterin sind oft die Folge eines ungesunden Lebensstils. Hier ist es wichtig, eine spezifische Behandlung zu finden. Nicht nur die Einstellung des Blutzuckers ist wichtig, sagt Steiner, sondern vor allem die Einstellung des Zuckerkranken zu seiner Krankheit. Denn mit Diabetes kann man gut leben, wenn man sich richtig darum kümmert, dass es einem gut geht.

Vorsorgeuntersuchungen nützen

Trotz eines gesunden Lebensstils führen oft aber auch andere Faktoren dazu, dass es im Alter zu Behinderungen im selbstständigen Leben kommt. Diabetes zum Beispiel kann auch genetisch bedingt sein, Herzerkrankungen können oft über mehrere Generationen hinweg vererbt werden. Um dies vorzeitig erkennen zu können, sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen ein Muss. „Es ist nicht so, dass gesunde Ernährung und viel Bewegung einem automatisch zu einem gesunden Leben im Alter verhelfen. Der Schlüssel zu einem aktiven Leben bis ins hohe Alter liegt in den Augen des Arztes in der regelmäßigen Vorsorge: „In Österreich gibt es Gott sei Dank eine gute ärztliche Basisversorgung. Regelmäßige Checks beim praktischen Arzt sowie bei Bedarf in Krankenhäusern sind daher unbedingt notwendig.“ Hier spielt aber vor allem die Vorgeschichte eine Rolle: Hat man etwa sein Leben lang geraucht oder ist man stark übergewichtig, führen diese Umstände oftmals zu Gefäßverengungen oder anderen Beschwerden.

Nie zu spät für neuen Lebensstil

Für eine Lebensstiländerung ist es jedoch nie zu spät, wie diese aussieht, ist wieder ganz dem Patienten überlassen. Oftmals genügt es schon, seine schlechten Essgewohnheiten abzulegen, um eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen. Wichtig ist dem Internisten aber immer die Nachhaltigkeit, die mit dieser Änderung der Gewohnheiten mit einhergeht. „Ich sehe immer wieder Menschen, die mit Anstrengungen Gewicht verlieren, einige Jahre später aber wieder genauso viel wiegen wie zuvor“, bedauert Steiner. Ein moderater Zugang zu dieser Problematik und vor allem realistische Gesundheitsziele seien das A und O, um seinen Lebensstil langfristig zu verbessern und so gesund und aktiv die zweite Lebenshälfte genießen zu können.

Gut hören – am Leben teilhaben

Jenseits des 70. Geburtstages leidet jede und jeder Zweite an einer Hörminderung. Diese entwickeln sich oft langsam über Jahre hinweg, so dass man sich an das schlechtere Hören gewöhnt. Deshalb ist es wichtig, seine Hörfähigkeiten regelmäßig vom HNO-Facharzt überprüfen zu lassen. Denn wer schlecht hört, verzichtet auf einen wesentlichen Teil der Lebensqualität. Die meisten der älteren Menschen haben Schwierigkeiten, hohe Töne wahrzunehmen, vor allem wenn sie leise sind. Konsonanten werden zunehmend nicht mehr richtig verstanden. Das Zuhören verlangt dann enorme Konzentration. Man versteht Gespräche nur mehr, wenn man sowieso weiß, worum es geht. Vieles aber wird falsch oder gar nicht mehr verstanden. Damit werden Begegnungen mit anderen Menschen immer schwieriger. Betroffene ziehen sich zurück, weil sie den Gesprächspartnern nicht zur Last fallen wollen oder um sich von vornherein Frustrationen zu ersparen. Misstrauen und Einsamkeit, oft auch Depressionen, sind häufige Folgen. Mit Hörgeräten verbessert sich daher nicht nur die Kommunikation der Menschen, sondern auch ihr Leben.